Forum Romanumqe
https://board.flavii.de/

Diskussionsrunde zur Visualisierung anhand "Die Deutschen"
https://board.flavii.de/viewtopic.php?f=49&t=2055
Seite 1 von 1

Autor:  Tib. Gabinius [ Montag 19. Januar 2009, 19:24 ]
Betreff des Beitrags:  Diskussionsrunde zur Visualisierung anhand "Die Deutschen"

Einige Fachleute die an der Serie "Die Deutschen" des ZDF mitgearbeitet haben, wurde ins Nachtstudio zur Diskussion gebeten. Heraus kam eine Diskussion um Wissenschaftlichkeit von Rekonstruktionen, Visualisierung und dem Spalt zwischen Lehre und Unterhaltung.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/ ... Popup=true

Autor:  Andreas [ Mittwoch 21. Januar 2009, 12:20 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Diskussionsrunde zur Visualisierung anhand "Die Deutschen"

Eine höchst interessante Diskussion von großer Aktualität!

Zunächst habe ich den Eindruck, dass die geladenen Wissenschaftler allesamt der universitären Lehre und ihren Mechanismen verhaftet sind und dementsprechend einen stark in die Tiefe gehende, formale Darstellung von Geschichte bevorzugen - was im Grundsatz für ihren Arbeitsbereich auch völlig richtig ist.

Dabei halte ich jedoch die Position von Frau Stollberg-Riliger, dass man nicht seriöse Geschichtswissenschaft und Unterhaltung zugleich haben könnte für veraltet und in diesem Zusammenhang sogar für falsch - weil sie einen Denkfehler enthält. Denn in der diskutierten Sendung ging es ja nicht um Forschungsprozesse, sondern um die Vermittlung von deren Ergebnissen an Laien.

Diese Vermittlung wiederum kann durchaus in einem unterhaltsamen Rahmen stattfinden. In der Museumspädagogik werden "Unterhaltung" und "Bildung", also die alten "Todfeinde" Trivial- und Hochkultur schon seit geraumer Zeit nicht mehr ausschließlich als gegensätzliche, unvereinbare Begriffe diskutiert.

Davon abgesehen wurden in der Diskussion m.E. aber die zentralen Fragen der Living History angesprochen. So warnte Gerd Althoff davor, dass Geschichtsdarstellung (hier szenische Darstellungen) in diesem Form enorme Probleme mit sich bringt: Komplexe Vorgänge würden verdichtet und Dinge ausgeblendet, die für das Verständnis eigentlich mitgeliefert werden müssten. Er hält dieses Problem für fast unlösbar.

Wiederum muss ich sagen, dass ich diesen Standpunkt aus der Sicht der universitären Forschung und Lehre verstehe, allerdings muss ich mich als heritage interpreter (genauso wie Ausstellungsmacher) bei der Arbeit mit Publikum auch immer vor dem "informaton overload" hüten. Ein Spannungsverhältnis, für dessen Auflösung wohl nie ein Patentrezept gefunden werden kann.

Bemerkenswert ist der Einwurf Stollberg-Rilingers, dass man Geschichte grundsätzlich nicht wieder zum Leben erwecken kann und die Szenischen Darstellungen der Serie deswegen nur eine fingierte Authentizität bieten, die für sie von Fantasy nicht weit entfernt seien. Althoff hakte hier später ein und betonte das Problem, dass durch die Personalisierung der Darstellung mit Schauspielern weitere Probleme geschaffen würden. Denn eine echte Individualität sei in den mittelalterlichen Quellen nicht greifbar, stattdessen würden dort (Stereo-)Typen beschrieben. So wäre das persönliche Erleben und Fühlen, dass die Schauspieler dem Publikum vermittelten, reine Fiktion.

Stollberg-Rilinger spann diesen Faden weiter, als sie beklagte, dass durch die Auftritte der Fachleute diese stark fiktionale Darstellung nun den Anschein der Wissenschaftlichkeit verliehen bekäme. Dabei sei dieser Anspruch nur inszeniert, und es würde nicht darauf hingewiesen, dass die Filmemacher mehr mit Wahrscheinlichkeiten und Phantasien denn als Fakten arbeiteten.

Die Parallelen zu den Problemen der Living History in Museen sind hier also mehr als deutlich und es zeigt, dass hier noch ein großer Diskussionsbedarf besteht, um die angesprochenen Problemfelder einzugrenzen und Lösungsansätze (die bereits existieren) zu kommunizieren und weiterzuentwickeln.

Besten Dank für das Link Tobias, ich konnte daraus einige neue Anregungen für meinen nächsten Vortrag zu dem Thema entnehmen.

Alles in allem würde als Fazit aus der Sendung folgendes ziehen: Man darf dem Medium Living History nicht mehr abfordern, als es wirklich leisten kann. Und dabei wissen die, die sich nicht mit LH beschäftigen, oft wenig bis nichts über deren Potentiale; während viele Anwender von LH (insbesondere Fernsehmacher, aber auch die "Szene" will ich davon nicht freisprechen) zu meinem großen Bedauern deren Möglichkeiten überschätzen und die Probleme kleinreden oder ignorieren.

Beste Grüße,

Andreas

Seite 1 von 1 Alle Zeiten sind UTC + 2 Stunden
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
http://www.phpbb.com/