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BeitragVerfasst: Montag 19. Januar 2009, 19:24 
Tesserarius
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Registriert: Montag 5. September 2005, 18:47
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Einige Fachleute die an der Serie "Die Deutschen" des ZDF mitgearbeitet haben, wurde ins Nachtstudio zur Diskussion gebeten. Heraus kam eine Diskussion um Wissenschaftlichkeit von Rekonstruktionen, Visualisierung und dem Spalt zwischen Lehre und Unterhaltung.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/ ... Popup=true

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Wer war froher als Neanth, da er sich Meister von diesem wundervollen
Instrumente sah, wodurch er, ohne das mindeste von der Musik zu
verstehen, der Erbe des Talents eines Orpheus zu sein glaubte! - Lukian

Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Mittwoch 21. Januar 2009, 12:20 
Togatus
Togatus
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Registriert: Dienstag 10. Januar 2006, 12:44
Beiträge: 76
Wohnort: Aachen
Eine höchst interessante Diskussion von großer Aktualität!

Zun√§chst habe ich den Eindruck, dass die geladenen Wissenschaftler allesamt der universit√§ren Lehre und ihren Mechanismen verhaftet sind und dementsprechend einen stark in die Tiefe gehende, formale Darstellung von Geschichte bevorzugen - was im Grundsatz f√ľr ihren Arbeitsbereich auch v√∂llig richtig ist.

Dabei halte ich jedoch die Position von Frau Stollberg-Riliger, dass man nicht seri√∂se Geschichtswissenschaft und Unterhaltung zugleich haben k√∂nnte f√ľr veraltet und in diesem Zusammenhang sogar f√ľr falsch - weil sie einen Denkfehler enth√§lt. Denn in der diskutierten Sendung ging es ja nicht um Forschungsprozesse, sondern um die Vermittlung von deren Ergebnissen an Laien.

Diese Vermittlung wiederum kann durchaus in einem unterhaltsamen Rahmen stattfinden. In der Museumspädagogik werden "Unterhaltung" und "Bildung", also die alten "Todfeinde" Trivial- und Hochkultur schon seit geraumer Zeit nicht mehr ausschließlich als gegensätzliche, unvereinbare Begriffe diskutiert.

Davon abgesehen wurden in der Diskussion m.E. aber die zentralen Fragen der Living History angesprochen. So warnte Gerd Althoff davor, dass Geschichtsdarstellung (hier szenische Darstellungen) in diesem Form enorme Probleme mit sich bringt: Komplexe Vorg√§nge w√ľrden verdichtet und Dinge ausgeblendet, die f√ľr das Verst√§ndnis eigentlich mitgeliefert werden m√ľssten. Er h√§lt dieses Problem f√ľr fast unl√∂sbar.

Wiederum muss ich sagen, dass ich diesen Standpunkt aus der Sicht der universit√§ren Forschung und Lehre verstehe, allerdings muss ich mich als heritage interpreter (genauso wie Ausstellungsmacher) bei der Arbeit mit Publikum auch immer vor dem "informaton overload" h√ľten. Ein Spannungsverh√§ltnis, f√ľr dessen Aufl√∂sung wohl nie ein Patentrezept gefunden werden kann.

Bemerkenswert ist der Einwurf Stollberg-Rilingers, dass man Geschichte grunds√§tzlich nicht wieder zum Leben erwecken kann und die Szenischen Darstellungen der Serie deswegen nur eine fingierte Authentizit√§t bieten, die f√ľr sie von Fantasy nicht weit entfernt seien. Althoff hakte hier sp√§ter ein und betonte das Problem, dass durch die Personalisierung der Darstellung mit Schauspielern weitere Probleme geschaffen w√ľrden. Denn eine echte Individualit√§t sei in den mittelalterlichen Quellen nicht greifbar, stattdessen w√ľrden dort (Stereo-)Typen beschrieben. So w√§re das pers√∂nliche Erleben und F√ľhlen, dass die Schauspieler dem Publikum vermittelten, reine Fiktion.

Stollberg-Rilinger spann diesen Faden weiter, als sie beklagte, dass durch die Auftritte der Fachleute diese stark fiktionale Darstellung nun den Anschein der Wissenschaftlichkeit verliehen bek√§me. Dabei sei dieser Anspruch nur inszeniert, und es w√ľrde nicht darauf hingewiesen, dass die Filmemacher mehr mit Wahrscheinlichkeiten und Phantasien denn als Fakten arbeiteten.

Die Parallelen zu den Problemen der Living History in Museen sind hier also mehr als deutlich und es zeigt, dass hier noch ein großer Diskussionsbedarf besteht, um die angesprochenen Problemfelder einzugrenzen und Lösungsansätze (die bereits existieren) zu kommunizieren und weiterzuentwickeln.

Besten Dank f√ľr das Link Tobias, ich konnte daraus einige neue Anregungen f√ľr meinen n√§chsten Vortrag zu dem Thema entnehmen.

Alles in allem w√ľrde als Fazit aus der Sendung folgendes ziehen: Man darf dem Medium Living History nicht mehr abfordern, als es wirklich leisten kann. Und dabei wissen die, die sich nicht mit LH besch√§ftigen, oft wenig bis nichts √ľber deren Potentiale; w√§hrend viele Anwender von LH (insbesondere Fernsehmacher, aber auch die "Szene" will ich davon nicht freisprechen) zu meinem gro√üen Bedauern deren M√∂glichkeiten √ľbersch√§tzen und die Probleme kleinreden oder ignorieren.

Beste Gr√ľ√üe,

Andreas

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Heritage Interpreter und Autor


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