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BeitragVerfasst: Dienstag 29. Juli 2008, 02:00 
Tesserarius
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In diesem Thema soll es nur um die Diskussion einer Notwendigkeit fĂŒr eine QualitĂ€tskontrolle gehen. Ich bitte ausdrĂŒcklich darum, hier keine Gruppen oder Einzelpersonen zu denunzieren, es soll hier nicht um die Austragung von Fehden gehen.
Wer sich angesprochen fĂŒhlt darf selbstverstĂ€ndlich eine Richtigstellung einstellen. Dabei ist aber nicht das einhaken auf den Kritiker gemeint oder das relativieren einer Problematik, sondern bspw. die ErlĂ€uterung der Situation.
(Beispiel: Jemand beschreibt den Fall eines sich auf die Frage eines Zuschauers plötzlich umdrehenden und wegschlendernden Darstellers. Derjenige hat natĂŒrlich das recht zu erlĂ€utern, dass er bspw. plötzliche gesundheitliche Beschwerden bekam oder die Frage beleidigender Natur war / empfunden wurde usw. Nicht erwĂŒnscht sind Bemerkungen wie "Hast du doch selbst sicher auch schon gemacht" oder "die Frage war zu doof").

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Wer war froher als Neanth, da er sich Meister von diesem wundervollen
Instrumente sah, wodurch er, ohne das mindeste von der Musik zu
verstehen, der Erbe des Talents eines Orpheus zu sein glaubte! - Lukian

Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Freitag 15. Mai 2009, 05:27 
Tesserarius
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Im Netz wurde die letzten Monate viel diskutiert, ĂŒber die QualitĂ€tskontrolle, ein GĂŒtesiegel, die Aachener ErklĂ€rung usw.

Meines erachtens ist eine QualitÀtskontrolle notwendig.
1. Nur durch fachliche Kritik können SchwĂ€chen aufgetan werden, die jede (!) Gruppe und Einzelperson immer hat. Damit ist nicht nur die AusrĂŒstung gemeint, sondern eben auch die Vermittlung und das benötigte Hintergrundwissen.
2. In dem Moment, in dem eine Gruppe oder Person vor Publikum tritt und "erklĂ€rt", oder wie es gerne in der Szene genannt wird, den "ErklĂ€rbĂ€ren" spielt, ĂŒbernimmt sie einen Bildungsauftrag. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser klar formuliert wurde oder ob es eine Gage gibt, ob die ErklĂ€rung im Freilichtmuseum, auf einem Marktplatz oder in der Schule stattfindet.
Um sicher zu stellen, dass keine völlig verklĂ€rten Bilder "stets siegreicher Römer" oder einer "durch das dekadente Christentum zu Fall gebrachte" SpĂ€tantike, eines "dĂŒsteren Mittelalters" oder "urdeutsche Germanen" vermittelt werden bleibt nur die Kontrolle. Wie diese nun auszusehen hat ist dann ein eigenes Thema.
3. Viel böses Blut kann vermieden werden, wenn die Tendenz, die eigene Gruppe durch vermeintliche Wissenschaftlichkeit "aufzuwerten" von vorneherein in vernĂŒnftige Bahnen gelenkt wird. Gerade unter den Römern ist es ja verbreitet sich mit dem AushĂ€ngeschild "ExperimentalarchĂ€ologie" zu behĂ€ngen, obwohl die ursprĂŒngliche Motivation fĂŒr das Hobby doch eher Spaß an der Rekonstruktion, der AusĂŒbung und dem Zusammensein bestand.
Stehen klare Richtlinien im Raum bzw. wird von angesehener Seite klar gemacht, was zu einem bestimmten Standart noch fehlt, so kann dies viel vom Konkurrenzkampf und der Neidsituation in der Szene beenden. Momentan darf keine Kritik geĂ€ußert werden, ohne das daraus ein Streit entbricht.
4. Die Möglichkeit einer neutralen Meinungsbildung wird nur durch sachliche Berichte nach fachlicher Kontrolle möglich sein. Die Befragungen innerhalb der Szene geben Meinungen wieder, die eben oftmals auch durch Antipathie oder Mißgunst bestimmt sind, selbst wenn mitunter kein realer Kontakt zu irgendeinem Zeitpunkt bestanden hat.
Die Alternative fĂŒr potentielle Auftraggeber ist der naturgemĂ€ĂŸ sehr schöngefĂ€rbte Besuch der Internetseiten und ein persönliches Aufsuchen der Gruppe, möglichst wĂ€hrend einer Veranstaltung. Das dabei aber die Person alles benötigte Wissen mitbringt und nicht Ausnahmesituationen zu gesicht bekommt ist dabei nicht garantiert, trotz des hohen Aufwandes.
5. Kontakt zur Fachwelt. Vielfach wird sich beklagt, dass die Fachwelt Darsteller belÀchelt oder ignoriert, ihre Arbeit nicht anerkennt. Gerade durch solche Kontrollen könnte beides abgemildert und vielleicht in ein paar Jahren sogar abgestellt werden.

FĂŒr mich ist also die Notwendigkeit einer solchen Kontrolle absolut klar, woraus sich aber natĂŒrlich noch lange nicht ihre Gestaltung ergibt (dazu gibts ja ein eigenes Thema).

Ebenso klar ist es fĂŒr mich, dass diese Kontrolle nur eine Rolle spielt, wenn es um Vermittlung, nennen wir es mal Living History, oder um wissenschaftliche Experimente geht. Gruppen und Personen, die wirklich "nur" dem Hobby, vom vielbelachten Gewandungsgrillen bis zum Reenactment frönen zu kontrollieren, das schließt sich m.E. völlig aus. NatĂŒrlich stellt sich im Anschluß unmittelbar die Frage nach den Grauzonen.
Ist etwa ein Schlachtenevent, dass ja fast nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu realisieren ist nun Reenactment oder bereits Living History?

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Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Samstag 16. Mai 2009, 20:45 
Miles Gregarius
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salve Primus,

Die Tatsache das in diesem Thread nicht viel los ist, deutet darauf hin das es keine
kontroversen Meinungen gibt. Das Museen und andere BildungstrÀger sich sicher
sein mĂŒssen das die von ihnen beauftragten Personen und Gruppen dem Bildungsauftrag
der Institution gerecht werden ist klar.

FĂŒr andere Bereich braucht und will keiner eine QualitĂ€tkontolle.

Das Problem ist mehr das die Museen scheinbar kein Problembewustsein haben, also
derjenige der eigendlich die Anforderungen setzen muss, hierfĂŒr keine Notwendigkeit
sieht - damit gibt es sozusagen keine Nachfrage und damit auch kein Angebot an
QualitĂ€t. Die QualitĂ€tsdiskussion wird scheinbar nur von den "Anbietern" gefĂŒhrt, es ist
also kein Dialog und deswegen gibt es auch keinen Fortschritt.
Die letzte Tagung von Anfang Mai (?) scheint diesen Eindruck zu BestÀtigen.

vale
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Marcus Mentellius Sermonius


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BeitragVerfasst: Sonntag 17. Mai 2009, 00:20 
Tesserarius
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Ganz so extrem wĂŒrde ich es nicht sehen. Denn erstens lesen hier glaube ich sehr wenig Museumsleiter mit ( :D ) und zweitens gibt es ja eine öffentliche, auch von den TrĂ€gern arrangierte und gewollte Diskussion, die lediglich nur TrĂ€ge anlĂ€uft. Ich schiebe das eher auf Ratlosigkeit und mangelnde KapazitĂ€ten fĂŒr dieses Unternehmen.
Mainz, Paderborn, Bonn, viele Museen haben sich und beteiligen sich weiter, spÀtestens seit der Diskussion um Ulfhednar.

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Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Sonntag 17. Mai 2009, 18:35 
Miles Gregarius
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Tib. Gabinius hat geschrieben:
... gibt es ja eine öffentliche, auch von den TrÀgern arrangierte und gewollte Diskussion, die lediglich nur TrÀge anlÀuft....


salve Prime

ich hoffe das die Institutionen nicht so trÀge sind, das das Thema sich vorher von alleine
erledigt hat, wenn mangelnde QualitÀt zu einer "Verbannung" der LH aus den Museen
gefĂŒhrt hat.
Ich wĂŒrde gerne mal eine "Wuschliste" sehen, nur um verstehen zu können was sich
ein Museeum von LH verspricht, dann könnte man sich viel zielgerichteter auf die Felder
konzentrieren wo die QualitÀt stimmen muss - Ich vermute das die materielle Ausstattung
- entgegen der Szene-Meinung - dabei gar keine große Rolle spielen wird. Aber solange
das Spekulation bleibt kommt man nicht weiter.

vale
Sermonius

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Marcus Mentellius Sermonius


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BeitragVerfasst: Montag 18. Mai 2009, 19:33 
Togatus
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Hallo,

Marcus dĂŒrfte auf der richtigen Spur sein, wenn er glaubt, dass die materielle Ausstattung fĂŒr Auftraggeber keine so große Rolle spielen wĂŒrde wie fĂŒr die Szene.

Die wenigsten der Verantwortlichen haben meiner Erfahrung nach eine klare Vorstellung von LH, das lese ich aus den bisherigen Publikationen wie auch den VortrĂ€gen und Diskussionen auf der Tagung in Freiburg. Anders ist es fĂŒr mich nur schwer zu verstehen, warum Kölner Hunnenhorden dort plötzlich zu Living-History-Darstellern avancierten...

Dennoch kann man die vergangenen und zukĂŒnftigen Veranstaltungen zum Thema Living History als ernsthaften Versuch werten, das PhĂ€nomen Living History in der deutschen akademischen Welt zu verstehen. So gibt es z.B. in diesem Sommersemester an der UniversitĂ€t Hamburg ein Seminar "Living History" mit genau diesem Zweck:

Zitat:
"Im Seminar wollen wir uns mit unterschiedlichen Konzepten auseinandersetzen, die hinter Begriffen wie Living History, Reenactment oder Heritage Interpretation stehen, und nach deren gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, institutionellen An- und Einbindungen fragen. Wer sind die Akteure, was ihre Motivationen? Welche AnsprĂŒche werden verfolgt, welche Erwartungen an die Gruppen gerichtet? Welche Themen und Zeitschnitte rĂŒcken in den Fokus und wie werden sie konkret umgesetzt? Nicht zuletzt soll der Versuch unternommen werden, Living History vor dem Hintergrund grĂ¶ĂŸerer gesellschaftlicher ZusammenhĂ€nge (Stichworte wĂ€ren hier etwa "Geschichtsboom" und "Erlebnisgesellschaft") und wissenschaftlicher Diskussionen (Historismus/Folklorismus, AuthentizitĂ€ts- und Ganzheitlichkeitsdiskurs, TheatralitĂ€t und "performative turn") zu betrachten."


Quelle: http://www.uni-hamburg.de/Wiss/FB/09/ArchaeoI/Vfg/html/studium/vv/kvvss09.html

Dies bringt mich auf einen Gedanken, der zwar in manchen Ohren provokant klingen mag, aber mit meinen Erfahrungen korrespondiert: Vielleicht ist es noch zu frĂŒh, die Frage nach den BedĂŒrfnissen der Museen zu stellen, einfach weil man sich dort darĂŒber hĂ€ufig noch gar nicht im klaren ist?!

Living History ist in deutschen Museen ein sehr junges PhĂ€nomen, und die akademische Welt tut gerade ihre ersten Schritte hin zur Akzeptanz dieses Vermittlungsmediums. Es gibt noch keinen allseits akzeptierten Kanon ĂŒber die Einsatzgebiete von Living History im Museum, weil man darĂŒber noch nicht sehr lange nachgedacht hat.

Der enorme Druck, unter dem auch die Museen durch die neue Medienwelt und andere Freizeitangebote stehen, hat einen breiten Einsatz von LH befördert. Doch das VerstĂ€ndnis um die Methoden der LH hat mit dem Tempo der EinfĂŒhrung nicht Schritt halten können.

Mehr oder minder stillschweigend hat sich ein System etabliert, bei dem Laien-Gruppen/reenactors (die in erster Linie ihren eigenen Interessen frönen) von Museen als (hĂ€ufig möglichst billiger) Dienstleister fĂŒr Aufgaben engagiert werden, die irgendwo zwischen Unterhaltung, Besuchermagnet und museumspĂ€dagogischen LĂŒckenfĂŒller pendeln.

Der Ulfhednar-Zwischenfall hat nun die SchwÀchen dieses Systems offengelegt und eine eigentlich sowieso notwendige Diskussion in gewisser Weise befeuert.

Es wĂ€re zu wĂŒnschen, dass die Museen diesen Schwung in der Debatte nutzen, um sich wirklich verstĂ€rkt darum zu kĂŒmmern, wie Living History zukĂŒnftig im Museum verortet werden kann.

Die Chance wĂ€re mit Tagungen wie im Sommer in Bonn vorhanden. Doch wird vieles davon abhĂ€ngen, welche Akzente in den zukĂŒnftigen Debatten gesetzt werden. Will man Living History als Kommunikationsmittel der MuseumspĂ€dagogik akzeptieren, oder obsiegt am Ende die Angst vor einer zu starken Popularisierung der Inhalte?

Und was nach meinem DafĂŒrhalten auch noch schwer wiegt: schafft man es, die Debatte vom Ulfhednar-Zwischenfall und der Angst vor dem ideologischen Missbrauch durch Laien zu lösen?

Auch wenn es im Web darum recht ruhig geworden ist, Teile der akademischen Welt haben die Paderborner Ereignisse zutiefst verstört. Die Geschichte ist keineswegs abgeschlossen und ich befĂŒrchte, dass Paderborn als dunkler Schatten ĂŒber Bonn schweben wird.

Wenn aber diffuse Ängste eine zukunftsorientierte Debatte behindern oder sogar in eine falsche Richtung lenken, kann dass auch die besten Gedanken ĂŒber QualitĂ€t Makulatur werden lassen.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal dafĂŒr werben, dass sich die Darsteller-Seite in Bonn PrĂ€senz zeigt und sich in die Debatte einmischt und dabei hilft, die "Sache LH" auf einen guten Weg zu bringen.

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BeitragVerfasst: Dienstag 19. Mai 2009, 09:58 
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Andreas hat geschrieben:
...
Dies bringt mich auf einen Gedanken, der zwar in manchen Ohren provokant klingen mag, aber mit meinen Erfahrungen korrespondiert: Vielleicht ist es noch zu frĂŒh, die Frage nach den BedĂŒrfnissen der Museen zu stellen, einfach weil man sich dort darĂŒber hĂ€ufig noch gar nicht im klaren ist?!
Living History ist in ... Museen ein sehr junges PhĂ€nomen, und die akademische Welt tut gerade ihre ersten Schritte hin zur Akzeptanz dieses Vermittlungsmediums. Es gibt noch keinen allseits akzeptierten Kanon ĂŒber die Einsatzgebiete von Living History im Museum, weil man darĂŒber noch nicht sehr lange nachgedacht hat.

Der enorme Druck, unter dem auch die Museen durch die neue Medienwelt und andere Freizeitangebote stehen, hat einen breiten Einsatz von LH befördert. Doch das VerstĂ€ndnis um die Methoden der LH hat mit dem Tempo der EinfĂŒhrung nicht Schritt halten können.

Mehr oder minder stillschweigend hat sich ein System etabliert, bei dem Laien-Gruppen/reenactors (die in erster Linie ihren eigenen Interessen frönen) von Museen als (hĂ€ufig möglichst billiger) Dienstleister fĂŒr Aufgaben engagiert werden, die irgendwo zwischen Unterhaltung, Besuchermagnet und museumspĂ€dagogischen LĂŒckenfĂŒller pendeln.
...
hervorgehoben durch mich

Du sprichst mir aus der Seele, genau o.a. haben wir letztes WoE im Museum fĂŒr Urgeschichte in Asparn/Zaya als "Darsteller" "auf's Auge gedrĂŒckt bekommen" (wenn Dich deren Vorgangsweise :mauer: in Einzelheiten interessiert kannst von mir PN haben)

Ulfhednar ist eigentlich ganz was anderes ... wer solches Gedankengut (auftÀtowiert) zur Schau stellt oder solche Zurschaustellung nicht augenblicklich verhindert ist nach dem Gesetz zu belangen ...

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BeitragVerfasst: Dienstag 19. Mai 2009, 15:03 
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Richtig, die Ulfhendar-Sache ist eigentlich etwas ganz anderes und hat wenig mit der QualitĂ€tsfrage zu tun - doch so einfach ist die Sache nicht. Die Wahrnehmung der Szene muss nĂ€mlich nicht zwingend mit der außerhalb ĂŒbereinstimmen.

Die wichtigsten Partner der Living History-Darsteller in QualitÀtsfragen sind die Museen, die Forschung und auch in gewissen Umfang die Medien, welche LH z.B. in Fernsehdokumentationen gerne einsetzen. Und in diesen Umfeld nimmt der Paderborner Zwischenfall einen anderen Stellenwert ein als in der "Szene".

Mittlerweile beobachte ich die beunruhigende Tendenz, dass sich der Fokus von der Gruppe Ulfhendnar zu "den" Geramen- und Wikingerdarstellern verschiebt. Im Zuge der Varus-Feierlichkeiten droht uns in der Frage der ideologischen Beeinflussung eine Verallgemeinerung.

Auch wenn es ein wenig vom Thema wegfĂŒhrt, sei mir zur Illustration ein Verweis auf den Radiobeitrag "2000 Jahre Varusschlacht (5) Der Mythos lebt - Germanenlkult heute" in hr2 erlaubt.

Dort werden nicht mehr Ulfhednar, sondern (Germanen-) Reenactors im Allgemeinen (die Namen der interviewten Darsteller fallen nicht) mit der NPD, Neonazis, Neoheidentum und völkischem Gedankengut in Verbindung gebracht.

Besonderes Augenmerk sollte man in Bezug auf unsere Debatte auf die Interviews mit den ArchÀologen von der Uni Leipzig legen:

Ton 10: Ralf Hoppadietz
NatĂŒrlich ist es so, dass diese Reenactment-Gruppen Erkenntnisse aus der Ur- und FrĂŒhgeschichte benutzen, allerdings bezieht es sich da bezeichnender Weise immer nur auf die Sachkultur, auf die Rekonstruktion von GrabzusammenhĂ€ngen. Auf Diskussionen in der Forschung ĂŒber Deutungsmöglichkeiten - darauf wird wenig Bezug genommen.

O-Ton 11: Interviews im Germanenlager
Das ist auch mein Ansatz so, irgendwie. Living Reenactment, dass ist ein bisschen lebendige ArchÀologie dabei.

Zitator 2: Reenactment meint die Darstellung von tatsÀchlichen oder möglichen historischen Ereignissen mit Hilfe möglichst detailgetreuer Ausstattung. "Living History" zielt auf das
Nacherleben eines historischen Zeitraums.

ErzĂ€hlerin: Die Veranstalter von MittelaltermĂ€rkten, Fernsehanstalten und Filmteams greifen gern auf solche Truppen zurĂŒck - und auch Museen und Ausstellungen.

O-Ton 12: Doreen Mölders
Man bedient damit den allgemeinen Trend, Geschichte konsumierbar zu machen. Da ist es natĂŒrlich einfacher, sich unterhalten zu lassen bei solchen Reenactmentshows, als sich mĂŒhsam Texte oder Schautafeln durchzulesen.

ErzĂ€hlerin: Doreen Mölders und Ralf Hoppadietz beschĂ€ftigen sich an der UniversitĂ€t Leipzig mit Ur- und FrĂŒhgeschichte und kennen die Szene.

O-Ton 13: Ralf Hoppadietz
Und ein anderer Punkt, der dabei wichtig ist, dass diese Reenactmentgruppen durch ihre imaginierte IdentitÀt als Germanen ihre Legitimation herausziehen, dass sie das richtige Geschichtsbild verkörpern.

(den O-Tönen aus dem Germanenlager ggf. KampfgerÀusche unterlegen,
um sie akustisch deutlich abzusetzen von Mölders/Hoppadietz)

O-Ton 14: Interviews im Germanenlager
.... das waren meine Vorfahren und ganz klar fĂŒhle ich mich auch dem
verbunden.

O-Ton 15: Doreen Mölders
Das Problem ist der Verweis auf AuthentizitĂ€t, der immer kommt bei den Reenactmentgruppen, wobei sich das natĂŒrlich nur auf die Rekonstruktion des Sachgutes beziehen kann und ĂŒberhaupt nicht auf die Darstellung der Lebensweisen.


Vielleicht wird an diesem Beispiel etwas deutlicher, was ich heute morgen meinte (rote Hervorhebungen ebenfalls von mir). Die Diskussion um die LH in der Wissenschaft und den Museen steht an einem anderen Punkt als die Diskussion innerhalb der Darsteller-Szene.

Es ist keineswegs so, dass man LH ĂŒberall als legitime Methode der Vermittlung anerkennt und mit offenen Armen empfĂ€ngt. Vielen ist die ganze Sache immer noch suspekt, nicht zuletzt weil sich LH außerhalb der etablierten Bahnen der akademischen Forschung und Lehre bewegt und weitgehend von Akteuren außerhalb dieser Welt gestaltet wird.

In einem solchen Klima erlangt ein Vorfall wie Paderborn ein anderes Gewicht, nicht nur weil die Museen natĂŒrlich auch auf ihren Ruf in der Öffentlichkeit angewiesen sind und schon deswegen mehr Augenmerk darauf richten mĂŒssen.

Denn dort, wo das VerstĂ€ndnis fĂŒr LH fehlt, fĂ€llt die Ablehnung aus - fĂŒr uns vielleicht wenig nachvollziehbaren - GrĂŒnden leicht. Wo aber Unwissenheit herrscht, ist auch Raum fĂŒr Ängste. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

So fĂŒrchte ich immer noch, dass die Nachwehen des letzten Jahres die eigentlich notwendige Debatte ĂŒber QualitĂ€tsmangement in der Living History in eine ganz andere Richtung lenken könnten. Der Titel des öffentlichen Abendvortrages der Tagung in Bonn jedenfalls macht mich sehr skeptisch. Er fĂŒhrt kein SchlĂŒsselwort zum Thema QualitĂ€t an, sondern lautet: "Tot oder Lebendig, wir kriegen euch! Zu Tradition, Absicht und Rezeption von ññ‚¬ËƓgelebter Geschichteññ‚¬ñ„±Ã±ñ‚¬Â.

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 Betreff des Beitrags: QualitĂ€tskontrolle & Ulfhednar
BeitragVerfasst: Mittwoch 20. Mai 2009, 09:48 
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Andreas hat geschrieben:
Richtig, die Ulfhendar-Sache ist eigentlich etwas ganz anderes und hat wenig mit der QualitĂ€tsfrage zu tun - doch so einfach ist die Sache nicht. Die Wahrnehmung der Szene muss nĂ€mlich nicht zwingend mit der außerhalb ĂŒbereinstimmen.
...

dies ist völlig richtig, "wir" definieren "fĂŒr uns" solche "ZwischenfĂ€lle" (hoffentlich) richtig, ziehen unsere Konsequenzen daraus, die "restliche Öffentlichkeit" sieht das (zeitungsmĂ€ssig aufbereitet) selbstverstĂ€ndlich anders; es kann bei Bedarf (um eine allfĂ€llige Diskussion in eine bestimmte Richtung zu ziehen) auch jederzeit wieder "aus dem Hut" gezogen werden.

VerstĂ€ndlicherweise mĂŒssen sich Museen/Veranstalter (leider?) nach der öffentlichen Meinung strecken, der politische Druck "von oben" wird auch entsprechend sein.

:!: Unter BerĂŒhrungsĂ€ngsten zwischen Wissenschaft und "Darstellern" haben wir bei uns in A bisher nicht zu leiden gehabt.
*ĂŒberspitzt & entfremdet formuliert*: in Österreich gibt's nur GesprĂ€chsverweigerung oder Euphorie seitens "der Wissenschaftler"

:idea: Wir lassen uns von Uxxx schon wieder abschweifen - also berĂŒhrt es uns doch mehr als angenommen ... :wink:

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BeitragVerfasst: Freitag 19. Juni 2009, 23:18 
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Bisher haben wir vor allem ĂŒber die QualitĂ€t und die Anforderungen an die Darsteller gesprochen, aber jĂŒngst geht es auch andersherum.

http://www.sueddeutsche.de/politik/199/472721/text/
http://www.welt.de/politik/article39593 ... ormen.html
http://www.mdr.de/nachrichten/6454205.html

Und das Feedback zur Orga in Kalkriese war bspw. eher mißgelaunt, als begeistert. Dort haben vor allem die Darsteller die Sache gerettet.

Verantwortung tragen Gruppen, Einzelpersonen und Veranstalter gleichermaßen. In diesem Fall hĂ€tte der Veranstalter mit einem oder zwei "geschulten" Personen das Problem vorweg ausrĂ€umen können, die Darsteller mit einem Schuß SensibilitĂ€t und Bewußtsein von vorneherein den Gesetzesbruch unterlassen können.
Das soll den Vorfall nicht aufbauschen, in meinen Augen ist es ein Gesetzesbruch, der Staat ermittelt (und somit verlÀuft alles genau wie per Gesetz zum Schutz des Staates vorgesehen ist) und unsensibel. Damit hat es sich. Aber es hÀtte vermieden werden können.

Ist also nicht auch eine Notwendigkeit fĂŒr die QualitĂ€tssicherstellung Seitens der Veranstalter gegeben? DĂŒrfen Veranstalter Darsteller fĂŒr alle möglichen Arbeiten einsetzen, anschreien oder benachteiligen? MĂŒssen sie nicht ein wachsames Auge haben?

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BeitragVerfasst: Samstag 20. Juni 2009, 11:10 
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Registriert: Montag 28. Juli 2008, 15:19
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Zitat:
Die Organisation des Umzuges sei vor allem von 1-Euro-Jobbern ĂŒbernommen worden. Daher sei eine komplette Kontrolle der Teilnehmer nicht zu leisten gewesen.


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