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BeitragVerfasst: Dienstag 29. Juli 2008, 02:00 
Tesserarius
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In diesem Thema soll es nur um die Diskussion einer Notwendigkeit f√ľr eine Qualit√§tskontrolle gehen. Ich bitte ausdr√ľcklich darum, hier keine Gruppen oder Einzelpersonen zu denunzieren, es soll hier nicht um die Austragung von Fehden gehen.
Wer sich angesprochen f√ľhlt darf selbstverst√§ndlich eine Richtigstellung einstellen. Dabei ist aber nicht das einhaken auf den Kritiker gemeint oder das relativieren einer Problematik, sondern bspw. die Erl√§uterung der Situation.
(Beispiel: Jemand beschreibt den Fall eines sich auf die Frage eines Zuschauers pl√∂tzlich umdrehenden und wegschlendernden Darstellers. Derjenige hat nat√ľrlich das recht zu erl√§utern, dass er bspw. pl√∂tzliche gesundheitliche Beschwerden bekam oder die Frage beleidigender Natur war / empfunden wurde usw. Nicht erw√ľnscht sind Bemerkungen wie "Hast du doch selbst sicher auch schon gemacht" oder "die Frage war zu doof").

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Wer war froher als Neanth, da er sich Meister von diesem wundervollen
Instrumente sah, wodurch er, ohne das mindeste von der Musik zu
verstehen, der Erbe des Talents eines Orpheus zu sein glaubte! - Lukian

Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Freitag 15. Mai 2009, 05:27 
Tesserarius
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Im Netz wurde die letzten Monate viel diskutiert, √ľber die Qualit√§tskontrolle, ein G√ľtesiegel, die Aachener Erkl√§rung usw.

Meines erachtens ist eine Qualitätskontrolle notwendig.
1. Nur durch fachliche Kritik k√∂nnen Schw√§chen aufgetan werden, die jede (!) Gruppe und Einzelperson immer hat. Damit ist nicht nur die Ausr√ľstung gemeint, sondern eben auch die Vermittlung und das ben√∂tigte Hintergrundwissen.
2. In dem Moment, in dem eine Gruppe oder Person vor Publikum tritt und "erkl√§rt", oder wie es gerne in der Szene genannt wird, den "Erkl√§rb√§ren" spielt, √ľbernimmt sie einen Bildungsauftrag. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser klar formuliert wurde oder ob es eine Gage gibt, ob die Erkl√§rung im Freilichtmuseum, auf einem Marktplatz oder in der Schule stattfindet.
Um sicher zu stellen, dass keine v√∂llig verkl√§rten Bilder "stets siegreicher R√∂mer" oder einer "durch das dekadente Christentum zu Fall gebrachte" Sp√§tantike, eines "d√ľsteren Mittelalters" oder "urdeutsche Germanen" vermittelt werden bleibt nur die Kontrolle. Wie diese nun auszusehen hat ist dann ein eigenes Thema.
3. Viel b√∂ses Blut kann vermieden werden, wenn die Tendenz, die eigene Gruppe durch vermeintliche Wissenschaftlichkeit "aufzuwerten" von vorneherein in vern√ľnftige Bahnen gelenkt wird. Gerade unter den R√∂mern ist es ja verbreitet sich mit dem Aush√§ngeschild "Experimentalarch√§ologie" zu beh√§ngen, obwohl die urspr√ľngliche Motivation f√ľr das Hobby doch eher Spa√ü an der Rekonstruktion, der Aus√ľbung und dem Zusammensein bestand.
Stehen klare Richtlinien im Raum bzw. wird von angesehener Seite klar gemacht, was zu einem bestimmten Standart noch fehlt, so kann dies viel vom Konkurrenzkampf und der Neidsituation in der Szene beenden. Momentan darf keine Kritik geäußert werden, ohne das daraus ein Streit entbricht.
4. Die Möglichkeit einer neutralen Meinungsbildung wird nur durch sachliche Berichte nach fachlicher Kontrolle möglich sein. Die Befragungen innerhalb der Szene geben Meinungen wieder, die eben oftmals auch durch Antipathie oder Mißgunst bestimmt sind, selbst wenn mitunter kein realer Kontakt zu irgendeinem Zeitpunkt bestanden hat.
Die Alternative f√ľr potentielle Auftraggeber ist der naturgem√§√ü sehr sch√∂ngef√§rbte Besuch der Internetseiten und ein pers√∂nliches Aufsuchen der Gruppe, m√∂glichst w√§hrend einer Veranstaltung. Das dabei aber die Person alles ben√∂tigte Wissen mitbringt und nicht Ausnahmesituationen zu gesicht bekommt ist dabei nicht garantiert, trotz des hohen Aufwandes.
5. Kontakt zur Fachwelt. Vielfach wird sich beklagt, dass die Fachwelt Darsteller belächelt oder ignoriert, ihre Arbeit nicht anerkennt. Gerade durch solche Kontrollen könnte beides abgemildert und vielleicht in ein paar Jahren sogar abgestellt werden.

F√ľr mich ist also die Notwendigkeit einer solchen Kontrolle absolut klar, woraus sich aber nat√ľrlich noch lange nicht ihre Gestaltung ergibt (dazu gibts ja ein eigenes Thema).

Ebenso klar ist es f√ľr mich, dass diese Kontrolle nur eine Rolle spielt, wenn es um Vermittlung, nennen wir es mal Living History, oder um wissenschaftliche Experimente geht. Gruppen und Personen, die wirklich "nur" dem Hobby, vom vielbelachten Gewandungsgrillen bis zum Reenactment fr√∂nen zu kontrollieren, das schlie√üt sich m.E. v√∂llig aus. Nat√ľrlich stellt sich im Anschlu√ü unmittelbar die Frage nach den Grauzonen.
Ist etwa ein Schlachtenevent, dass ja fast nicht unter Ausschlu√ü der √Ėffentlichkeit zu realisieren ist nun Reenactment oder bereits Living History?

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Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Samstag 16. Mai 2009, 20:45 
Miles Gregarius
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salve Primus,

Die Tatsache das in diesem Thread nicht viel los ist, deutet darauf hin das es keine
kontroversen Meinungen gibt. Das Museen und andere Bildungsträger sich sicher
sein m√ľssen das die von ihnen beauftragten Personen und Gruppen dem Bildungsauftrag
der Institution gerecht werden ist klar.

F√ľr andere Bereich braucht und will keiner eine Qualit√§tkontolle.

Das Problem ist mehr das die Museen scheinbar kein Problembewustsein haben, also
derjenige der eigendlich die Anforderungen setzen muss, hierf√ľr keine Notwendigkeit
sieht - damit gibt es sozusagen keine Nachfrage und damit auch kein Angebot an
Qualit√§t. Die Qualit√§tsdiskussion wird scheinbar nur von den "Anbietern" gef√ľhrt, es ist
also kein Dialog und deswegen gibt es auch keinen Fortschritt.
Die letzte Tagung von Anfang Mai (?) scheint diesen Eindruck zu Bestätigen.

vale
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Marcus Mentellius Sermonius


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BeitragVerfasst: Sonntag 17. Mai 2009, 00:20 
Tesserarius
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Ganz so extrem w√ľrde ich es nicht sehen. Denn erstens lesen hier glaube ich sehr wenig Museumsleiter mit ( :D ) und zweitens gibt es ja eine √∂ffentliche, auch von den Tr√§gern arrangierte und gewollte Diskussion, die lediglich nur Tr√§ge anl√§uft. Ich schiebe das eher auf Ratlosigkeit und mangelnde Kapazit√§ten f√ľr dieses Unternehmen.
Mainz, Paderborn, Bonn, viele Museen haben sich und beteiligen sich weiter, spätestens seit der Diskussion um Ulfhednar.

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Tib. Gabinius Primus
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BeitragVerfasst: Sonntag 17. Mai 2009, 18:35 
Miles Gregarius
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Tib. Gabinius hat geschrieben:
... gibt es ja eine öffentliche, auch von den Trägern arrangierte und gewollte Diskussion, die lediglich nur Träge anläuft....


salve Prime

ich hoffe das die Institutionen nicht so träge sind, das das Thema sich vorher von alleine
erledigt hat, wenn mangelnde Qualität zu einer "Verbannung" der LH aus den Museen
gef√ľhrt hat.
Ich w√ľrde gerne mal eine "Wuschliste" sehen, nur um verstehen zu k√∂nnen was sich
ein Museeum von LH verspricht, dann könnte man sich viel zielgerichteter auf die Felder
konzentrieren wo die Qualität stimmen muss - Ich vermute das die materielle Ausstattung
- entgegen der Szene-Meinung - dabei gar keine große Rolle spielen wird. Aber solange
das Spekulation bleibt kommt man nicht weiter.

vale
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Marcus Mentellius Sermonius


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BeitragVerfasst: Montag 18. Mai 2009, 19:33 
Togatus
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Hallo,

Marcus d√ľrfte auf der richtigen Spur sein, wenn er glaubt, dass die materielle Ausstattung f√ľr Auftraggeber keine so gro√üe Rolle spielen w√ľrde wie f√ľr die Szene.

Die wenigsten der Verantwortlichen haben meiner Erfahrung nach eine klare Vorstellung von LH, das lese ich aus den bisherigen Publikationen wie auch den Vortr√§gen und Diskussionen auf der Tagung in Freiburg. Anders ist es f√ľr mich nur schwer zu verstehen, warum K√∂lner Hunnenhorden dort pl√∂tzlich zu Living-History-Darstellern avancierten...

Dennoch kann man die vergangenen und zuk√ľnftigen Veranstaltungen zum Thema Living History als ernsthaften Versuch werten, das Ph√§nomen Living History in der deutschen akademischen Welt zu verstehen. So gibt es z.B. in diesem Sommersemester an der Universit√§t Hamburg ein Seminar "Living History" mit genau diesem Zweck:

Zitat:
"Im Seminar wollen wir uns mit unterschiedlichen Konzepten auseinandersetzen, die hinter Begriffen wie Living History, Reenactment oder Heritage Interpretation stehen, und nach deren gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, institutionellen An- und Einbindungen fragen. Wer sind die Akteure, was ihre Motivationen? Welche Anspr√ľche werden verfolgt, welche Erwartungen an die Gruppen gerichtet? Welche Themen und Zeitschnitte r√ľcken in den Fokus und wie werden sie konkret umgesetzt? Nicht zuletzt soll der Versuch unternommen werden, Living History vor dem Hintergrund gr√∂√üerer gesellschaftlicher Zusammenh√§nge (Stichworte w√§ren hier etwa "Geschichtsboom" und "Erlebnisgesellschaft") und wissenschaftlicher Diskussionen (Historismus/Folklorismus, Authentizit√§ts- und Ganzheitlichkeitsdiskurs, Theatralit√§t und "performative turn") zu betrachten."


Quelle: http://www.uni-hamburg.de/Wiss/FB/09/ArchaeoI/Vfg/html/studium/vv/kvvss09.html

Dies bringt mich auf einen Gedanken, der zwar in manchen Ohren provokant klingen mag, aber mit meinen Erfahrungen korrespondiert: Vielleicht ist es noch zu fr√ľh, die Frage nach den Bed√ľrfnissen der Museen zu stellen, einfach weil man sich dort dar√ľber h√§ufig noch gar nicht im klaren ist?!

Living History ist in deutschen Museen ein sehr junges Ph√§nomen, und die akademische Welt tut gerade ihre ersten Schritte hin zur Akzeptanz dieses Vermittlungsmediums. Es gibt noch keinen allseits akzeptierten Kanon √ľber die Einsatzgebiete von Living History im Museum, weil man dar√ľber noch nicht sehr lange nachgedacht hat.

Der enorme Druck, unter dem auch die Museen durch die neue Medienwelt und andere Freizeitangebote stehen, hat einen breiten Einsatz von LH bef√∂rdert. Doch das Verst√§ndnis um die Methoden der LH hat mit dem Tempo der Einf√ľhrung nicht Schritt halten k√∂nnen.

Mehr oder minder stillschweigend hat sich ein System etabliert, bei dem Laien-Gruppen/reenactors (die in erster Linie ihren eigenen Interessen fr√∂nen) von Museen als (h√§ufig m√∂glichst billiger) Dienstleister f√ľr Aufgaben engagiert werden, die irgendwo zwischen Unterhaltung, Besuchermagnet und museumsp√§dagogischen L√ľckenf√ľller pendeln.

Der Ulfhednar-Zwischenfall hat nun die Schwächen dieses Systems offengelegt und eine eigentlich sowieso notwendige Diskussion in gewisser Weise befeuert.

Es w√§re zu w√ľnschen, dass die Museen diesen Schwung in der Debatte nutzen, um sich wirklich verst√§rkt darum zu k√ľmmern, wie Living History zuk√ľnftig im Museum verortet werden kann.

Die Chance w√§re mit Tagungen wie im Sommer in Bonn vorhanden. Doch wird vieles davon abh√§ngen, welche Akzente in den zuk√ľnftigen Debatten gesetzt werden. Will man Living History als Kommunikationsmittel der Museumsp√§dagogik akzeptieren, oder obsiegt am Ende die Angst vor einer zu starken Popularisierung der Inhalte?

Und was nach meinem Daf√ľrhalten auch noch schwer wiegt: schafft man es, die Debatte vom Ulfhednar-Zwischenfall und der Angst vor dem ideologischen Missbrauch durch Laien zu l√∂sen?

Auch wenn es im Web darum recht ruhig geworden ist, Teile der akademischen Welt haben die Paderborner Ereignisse zutiefst verst√∂rt. Die Geschichte ist keineswegs abgeschlossen und ich bef√ľrchte, dass Paderborn als dunkler Schatten √ľber Bonn schweben wird.

Wenn aber diffuse √Ąngste eine zukunftsorientierte Debatte behindern oder sogar in eine falsche Richtung lenken, kann dass auch die besten Gedanken √ľber Qualit√§t Makulatur werden lassen.

Deshalb m√∂chte ich an dieser Stelle noch einmal daf√ľr werben, dass sich die Darsteller-Seite in Bonn Pr√§senz zeigt und sich in die Debatte einmischt und dabei hilft, die "Sache LH" auf einen guten Weg zu bringen.

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BeitragVerfasst: Dienstag 19. Mai 2009, 09:58 
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Andreas hat geschrieben:
...
Dies bringt mich auf einen Gedanken, der zwar in manchen Ohren provokant klingen mag, aber mit meinen Erfahrungen korrespondiert: Vielleicht ist es noch zu fr√ľh, die Frage nach den Bed√ľrfnissen der Museen zu stellen, einfach weil man sich dort dar√ľber h√§ufig noch gar nicht im klaren ist?!
Living History ist in ... Museen ein sehr junges Ph√§nomen, und die akademische Welt tut gerade ihre ersten Schritte hin zur Akzeptanz dieses Vermittlungsmediums. Es gibt noch keinen allseits akzeptierten Kanon √ľber die Einsatzgebiete von Living History im Museum, weil man dar√ľber noch nicht sehr lange nachgedacht hat.

Der enorme Druck, unter dem auch die Museen durch die neue Medienwelt und andere Freizeitangebote stehen, hat einen breiten Einsatz von LH bef√∂rdert. Doch das Verst√§ndnis um die Methoden der LH hat mit dem Tempo der Einf√ľhrung nicht Schritt halten k√∂nnen.

Mehr oder minder stillschweigend hat sich ein System etabliert, bei dem Laien-Gruppen/reenactors (die in erster Linie ihren eigenen Interessen fr√∂nen) von Museen als (h√§ufig m√∂glichst billiger) Dienstleister f√ľr Aufgaben engagiert werden, die irgendwo zwischen Unterhaltung, Besuchermagnet und museumsp√§dagogischen L√ľckenf√ľller pendeln.
...
hervorgehoben durch mich

Du sprichst mir aus der Seele, genau o.a. haben wir letztes WoE im Museum f√ľr Urgeschichte in Asparn/Zaya als "Darsteller" "auf's Auge gedr√ľckt bekommen" (wenn Dich deren Vorgangsweise :mauer: in Einzelheiten interessiert kannst von mir PN haben)

Ulfhednar ist eigentlich ganz was anderes ... wer solches Gedankengut (auftätowiert) zur Schau stellt oder solche Zurschaustellung nicht augenblicklich verhindert ist nach dem Gesetz zu belangen ...

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>>>wer hier Schreibfehler findet darf diese behalten und auch selbst verwenden<<<


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BeitragVerfasst: Dienstag 19. Mai 2009, 15:03 
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Richtig, die Ulfhendar-Sache ist eigentlich etwas ganz anderes und hat wenig mit der Qualit√§tsfrage zu tun - doch so einfach ist die Sache nicht. Die Wahrnehmung der Szene muss n√§mlich nicht zwingend mit der au√üerhalb √ľbereinstimmen.

Die wichtigsten Partner der Living History-Darsteller in Qualitätsfragen sind die Museen, die Forschung und auch in gewissen Umfang die Medien, welche LH z.B. in Fernsehdokumentationen gerne einsetzen. Und in diesen Umfeld nimmt der Paderborner Zwischenfall einen anderen Stellenwert ein als in der "Szene".

Mittlerweile beobachte ich die beunruhigende Tendenz, dass sich der Fokus von der Gruppe Ulfhendnar zu "den" Geramen- und Wikingerdarstellern verschiebt. Im Zuge der Varus-Feierlichkeiten droht uns in der Frage der ideologischen Beeinflussung eine Verallgemeinerung.

Auch wenn es ein wenig vom Thema wegf√ľhrt, sei mir zur Illustration ein Verweis auf den Radiobeitrag "2000 Jahre Varusschlacht (5) Der Mythos lebt - Germanenlkult heute" in hr2 erlaubt.

Dort werden nicht mehr Ulfhednar, sondern (Germanen-) Reenactors im Allgemeinen (die Namen der interviewten Darsteller fallen nicht) mit der NPD, Neonazis, Neoheidentum und völkischem Gedankengut in Verbindung gebracht.

Besonderes Augenmerk sollte man in Bezug auf unsere Debatte auf die Interviews mit den Archäologen von der Uni Leipzig legen:

Ton 10: Ralf Hoppadietz
Nat√ľrlich ist es so, dass diese Reenactment-Gruppen Erkenntnisse aus der Ur- und Fr√ľhgeschichte benutzen, allerdings bezieht es sich da bezeichnender Weise immer nur auf die Sachkultur, auf die Rekonstruktion von Grabzusammenh√§ngen. Auf Diskussionen in der Forschung √ľber Deutungsm√∂glichkeiten - darauf wird wenig Bezug genommen.

O-Ton 11: Interviews im Germanenlager
Das ist auch mein Ansatz so, irgendwie. Living Reenactment, dass ist ein bisschen lebendige Archäologie dabei.

Zitator 2: Reenactment meint die Darstellung von tatsächlichen oder möglichen historischen Ereignissen mit Hilfe möglichst detailgetreuer Ausstattung. "Living History" zielt auf das
Nacherleben eines historischen Zeitraums.

Erz√§hlerin: Die Veranstalter von Mittelalterm√§rkten, Fernsehanstalten und Filmteams greifen gern auf solche Truppen zur√ľck - und auch Museen und Ausstellungen.

O-Ton 12: Doreen Mölders
Man bedient damit den allgemeinen Trend, Geschichte konsumierbar zu machen. Da ist es nat√ľrlich einfacher, sich unterhalten zu lassen bei solchen Reenactmentshows, als sich m√ľhsam Texte oder Schautafeln durchzulesen.

Erz√§hlerin: Doreen M√∂lders und Ralf Hoppadietz besch√§ftigen sich an der Universit√§t Leipzig mit Ur- und Fr√ľhgeschichte und kennen die Szene.

O-Ton 13: Ralf Hoppadietz
Und ein anderer Punkt, der dabei wichtig ist, dass diese Reenactmentgruppen durch ihre imaginierte Identität als Germanen ihre Legitimation herausziehen, dass sie das richtige Geschichtsbild verkörpern.

(den O-Tönen aus dem Germanenlager ggf. Kampfgeräusche unterlegen,
um sie akustisch deutlich abzusetzen von Mölders/Hoppadietz)

O-Ton 14: Interviews im Germanenlager
.... das waren meine Vorfahren und ganz klar f√ľhle ich mich auch dem
verbunden.

O-Ton 15: Doreen Mölders
Das Problem ist der Verweis auf Authentizit√§t, der immer kommt bei den Reenactmentgruppen, wobei sich das nat√ľrlich nur auf die Rekonstruktion des Sachgutes beziehen kann und √ľberhaupt nicht auf die Darstellung der Lebensweisen.


Vielleicht wird an diesem Beispiel etwas deutlicher, was ich heute morgen meinte (rote Hervorhebungen ebenfalls von mir). Die Diskussion um die LH in der Wissenschaft und den Museen steht an einem anderen Punkt als die Diskussion innerhalb der Darsteller-Szene.

Es ist keineswegs so, dass man LH √ľberall als legitime Methode der Vermittlung anerkennt und mit offenen Armen empf√§ngt. Vielen ist die ganze Sache immer noch suspekt, nicht zuletzt weil sich LH au√üerhalb der etablierten Bahnen der akademischen Forschung und Lehre bewegt und weitgehend von Akteuren au√üerhalb dieser Welt gestaltet wird.

In einem solchen Klima erlangt ein Vorfall wie Paderborn ein anderes Gewicht, nicht nur weil die Museen nat√ľrlich auch auf ihren Ruf in der √Ėffentlichkeit angewiesen sind und schon deswegen mehr Augenmerk darauf richten m√ľssen.

Denn dort, wo das Verst√§ndnis f√ľr LH fehlt, f√§llt die Ablehnung aus - f√ľr uns vielleicht wenig nachvollziehbaren - Gr√ľnden leicht. Wo aber Unwissenheit herrscht, ist auch Raum f√ľr √Ąngste. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

So f√ľrchte ich immer noch, dass die Nachwehen des letzten Jahres die eigentlich notwendige Debatte √ľber Qualit√§tsmangement in der Living History in eine ganz andere Richtung lenken k√∂nnten. Der Titel des √∂ffentlichen Abendvortrages der Tagung in Bonn jedenfalls macht mich sehr skeptisch. Er f√ľhrt kein Schl√ľsselwort zum Thema Qualit√§t an, sondern lautet: "Tot oder Lebendig, wir kriegen euch! Zu Tradition, Absicht und Rezeption von √ɬĘ√Ę‚Äö¬¨√čŇďgelebter Geschichte√ɬĘ√Ę‚Äö¬¨√Ę‚Äě¬Ę√ɬĘ√Ę‚Äö¬¨√ā¬Ě.

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Zuletzt geändert von Andreas am Donnerstag 21. Mai 2009, 09:57, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Qualit√§tskontrolle & Ulfhednar
BeitragVerfasst: Mittwoch 20. Mai 2009, 09:48 
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Andreas hat geschrieben:
Richtig, die Ulfhendar-Sache ist eigentlich etwas ganz anderes und hat wenig mit der Qualit√§tsfrage zu tun - doch so einfach ist die Sache nicht. Die Wahrnehmung der Szene muss n√§mlich nicht zwingend mit der au√üerhalb √ľbereinstimmen.
...

dies ist v√∂llig richtig, "wir" definieren "f√ľr uns" solche "Zwischenf√§lle" (hoffentlich) richtig, ziehen unsere Konsequenzen daraus, die "restliche √Ėffentlichkeit" sieht das (zeitungsm√§ssig aufbereitet) selbstverst√§ndlich anders; es kann bei Bedarf (um eine allf√§llige Diskussion in eine bestimmte Richtung zu ziehen) auch jederzeit wieder "aus dem Hut" gezogen werden.

Verst√§ndlicherweise m√ľssen sich Museen/Veranstalter (leider?) nach der √∂ffentlichen Meinung strecken, der politische Druck "von oben" wird auch entsprechend sein.

:!: Unter Ber√ľhrungs√§ngsten zwischen Wissenschaft und "Darstellern" haben wir bei uns in A bisher nicht zu leiden gehabt.
*√ľberspitzt & entfremdet formuliert*: in √Ėsterreich gibt's nur Gespr√§chsverweigerung oder Euphorie seitens "der Wissenschaftler"

:idea: Wir lassen uns von Uxxx schon wieder abschweifen - also ber√ľhrt es uns doch mehr als angenommen ... :wink:

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BeitragVerfasst: Freitag 19. Juni 2009, 23:18 
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Bisher haben wir vor allem √ľber die Qualit√§t und die Anforderungen an die Darsteller gesprochen, aber j√ľngst geht es auch andersherum.

http://www.sueddeutsche.de/politik/199/472721/text/
http://www.welt.de/politik/article39593 ... ormen.html
http://www.mdr.de/nachrichten/6454205.html

Und das Feedback zur Orga in Kalkriese war bspw. eher mißgelaunt, als begeistert. Dort haben vor allem die Darsteller die Sache gerettet.

Verantwortung tragen Gruppen, Einzelpersonen und Veranstalter gleichermaßen. In diesem Fall hätte der Veranstalter mit einem oder zwei "geschulten" Personen das Problem vorweg ausräumen können, die Darsteller mit einem Schuß Sensibilität und Bewußtsein von vorneherein den Gesetzesbruch unterlassen können.
Das soll den Vorfall nicht aufbauschen, in meinen Augen ist es ein Gesetzesbruch, der Staat ermittelt (und somit verläuft alles genau wie per Gesetz zum Schutz des Staates vorgesehen ist) und unsensibel. Damit hat es sich. Aber es hätte vermieden werden können.

Ist also nicht auch eine Notwendigkeit f√ľr die Qualit√§tssicherstellung Seitens der Veranstalter gegeben? D√ľrfen Veranstalter Darsteller f√ľr alle m√∂glichen Arbeiten einsetzen, anschreien oder benachteiligen? M√ľssen sie nicht ein wachsames Auge haben?

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BeitragVerfasst: Samstag 20. Juni 2009, 11:10 
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Zitat:
Die Organisation des Umzuges sei vor allem von 1-Euro-Jobbern √ľbernommen worden. Daher sei eine komplette Kontrolle der Teilnehmer nicht zu leisten gewesen.


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